Flüssigtapete
14.03.2010
Flüssige Konkurrenz für Tapeten
Was in unseren Breiten recht exotisch anmuten mag, ist in Japan schon lange Usus. Traditionell werden Flüssigtapeten, auch Baumwollputze genannt, aus einem Gemisch von Textilfasern, Effektmaterialien und Trockenklebemitteln hergestellt. Der Körnigkeit und Farbgebung sind kaum Grenzen gesetzt. Durch ihre Eigenschaften und vor allem ihre unverwechselbare Optik hat sich die Flüssigtapete als qualitativ hochwertiges Produkt für die Wand- und Deckengestaltung etabliert. Die Lebensdauer übersteigt jene der Papiertapeten um gut das Doppelte und auch die Wärmedämmung entspricht einer „normalen“ Tapete.
„Viele Erstkäufer werden zu Wiederkäufern und Empfehlungsgebern. Dies zeigt, dass die Flüssigtapete sehr gut ankommt. Die Absatzzahlen waren in den letzten Jahren eindeutig steigend“, gab uns Anton Buchinger, Geschäftsführer von Variabella, einem österreichischen Spezialisten auf dem Gebiet, Auskunft. Durch seinen Einblick in die gesamte Wertschöpfungskette, über zwei Jahrzehnte Erfahrung mit der Spezialtapete sowie den anhaltenden Trend zum Cocooning (Anm.: das „Sich-im-eigenen-Zuhause-Zurückziehen“, eine Art Neu-Biedermeier) erwartet Buchinger auch weiterhin stabilen bis steigenden Absatz.
Die Rohstoffe werden hauptsächlich von der österreichischen Textil- und Bekleidungsindustrie sowie von Faserherstellern angekauft. Durch diese breite Kooperation sind Unternehmen in der Lage, die Kollektionen laufend um neue Dekore, neue Farbtöne und Oberflächenstrukturen zu erweitern. „Für heuer planen wir erstmals die Verwendung von Seide“, verrät Buchinger im color-Gespräch.
Auch die deutschen Marktbegleiter, die Firma Wema etwa, sehen den Stellenwert des Produktes im Vergleich zu anderen Wandbelägen steigend. Schwierig macht diese Einschätzung jedoch der Umstand, dass Flüssigtapeten zum Großteil direkt vertrieben werden und kaum über Baumärkte; es existieren also keine genauen Vergleichswerte. „Wema Flüssigtapete e. K. ist ein stetig expandierendes Unternehmen“, so Ing. Hans Peter Maier, Geschäftsführer des Unternehmens, zum Thema wirtschaftliche Entwicklung.
Verarbeitung
Voraussetzung für eine optimale Verarbeitung ist ein gleichmäßig weicher und glatter Untergrund, auf dem das Materialgemisch gleichmäßig aufgetragen (siehe Info-Box) werden kann. Benötigt wird eine spezielle Grundierung, die Isoliergrund und Haftbrücke entspricht. Das trockene Materialgemisch wird zunächst unter Zugabe von warmem Wasser angerührt. Diese dickflüssige Masse kann anschließend entweder per Hand mit Kunststoffglättbrett oder maschinell mit Kompressor und Trichterspritzpistole aufgebracht werden. Nach zirka zwei bis vier Tagen ist die Tapete trocken und voll beanspruchbar. Sollten durch Unachtsamkeit Risse in der Mauer oder Schmutzflecken auf der Tapete entstehen, kann die betroffene Stelle einfach eingeweicht, neu verstrichen und geglättet werden. Speziell durch die Spritztechnik hat der Verarbeiter die Möglichkeit, die Oberflächenstruktur der Flüssigtapete an der Wand mehrfach zu gestalten. „Aufgrund von Materialstruktur und unterschiedlichen Gestaltungsvarianten können völlig individuelle Tapetenkreationen geschaffen werden“, so Maier.
So ergibt sich etwa durch das Belassen der Spritzstruktur eine raufaserartige Oberfläche. Durch anschließendes Abrollen oder Abglätten kann die Struktur der Flüssigtapete von genoppt bis glatt weiter gestaltet werden.Betrachtet man den Preis, bewegen sich die Flüssigtapeten auf den ersten Blick in einem etwas teureren Bereich als ihre herkömmlichen Verwandten. Mit 9 bis 20 Euro pro Quadratmeter sind sie teurer als die im Baumarkt erhältlichen Tapeten, entsprechen aber qualitativ durchaus hochwertigen Tapeten.
Fazit
Sowohl in Sachen Verarbeitung und als auch in puncto Langlebigkeit bieten Flüssigtapeten attraktive Vorteile. Einziger signifikanter Nachteil ist, dass sie nicht abwaschbar sind. Weiter ist positiv zu vermerken, dass diese Tapetengattung nahtlos zu verarbeiten ist und ihre Atmungsaktivität, feuchtigkeitsregulierende Wirkung sowie die starke Wärmedämmung jener von Korktapeten entsprechen. Alles in allem ein Produkt, das mehr als interessant für Raumgestalter ist!
Text: Martin Pechal
Flüssigtapete, auch: Baumwollputz
Aufbringung: entweder mit Glättkelle aus Kunststoff oder mit Kompressor und Trichterspritzpistole
Trocknungszeit: ca. 2 bis 4 Tage
Haltbarkeit: bis zu 10 Jahre (Wände in Kinderzimmern oder in Wohnungen von Rauchern sind vermutlich früher renovierungsbedürftig …)
Preis: 9 bis 20 Euro pro m2

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