Reduktion
Entkoppelung von materiellen Gütern und Besinnung auf eigene Werte, sparsamer Einsatz von Farben, große, leere Flächen, wenig Dekor
Veredelung
Qualität, Designbewusstsein, der „Hauch der Oberklasse“, klare Farben und Formen, edles Material, hohe Qualität, kunstvoll
Natur & Design
Zeitgeist und Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur, natürliche Materialien und Farben, Akzente mit Metall
Flow-Design
Hippes Design, kurzfristige Mode wie Retro, bunt, neuartige Formen, außergewöhnliche Nutzungsmöglichkeiten
Glocal Style
Globalisierungsmix aus verschiedenen Kulturen, traditionelle, länderspezifische Formen, viele Details
High-End-Design
Technik- und designlastig, avantgardistisch mit neuen Materialien und (organischen) extremen Formen
Aus der Studie „Living in the Future“
Wohnstile – heute und morgen
14.03.2010
Wohnen, wie es euch gefällt
Es ist eine grundlegende Frage, die sich alle Branchen rund ums Wohnen stellen: Was wünscht sich der Kunde? Wie will er leben? Und rein wirtschaftlich gesehen: Welche Dienstleistungen und Produkte lassen sich an den Mann bringen? Des zentralen Themas – Wohnen heute und morgen – haben sich gleich drei aktuelle Studien angenommen und bringen recht klare, brauchbare Resultate zutage.
Worauf aktuell bei Einrichtung und Stil Wert gelegt wird, fragte das österreichische Markt- und Meinungsforschungsinstitut Integral insgesamt 5691 Österreicher zwischen 18 und 65 Jahren. „Es zeigte sich, dass zwei Stile dominieren: Vor allem Frauen schätzen eine heimelige, mit vielen Accessoires versehene Gestaltung der Wohnräume, während Männer besonders stark auf eine zeitlos-funktionale Ausstattung in den eigenen vier Wänden Wert legen“, verrät Karin Kalkbrenner von Integral. Die Ergebnisse im Detail: Als sehr wichtig wird heimelig (34 Prozent), zeitlos-funktional (27 Prozent), individuell (20 Prozent) und bunt-abwechslungsreich (10 Prozent) erachtet. Überhaupt nicht angesagt sind momentan antik (58 Prozent), rustikal-gediegen (47 Prozent) und spartanisch (37 Prozent).
Natur im Trend
Die Trendstudie 2009–2015 des deutschen Bauprodukte-Vermarkters Heinze ist noch umfangreicher. Hier ermittelte Marktforscher Thomas Wagner mithilfe von 373 Architekten, Planern und Innenarchitekten die allgemeinen Trends im Wohnbau. Neben den Themenbereichen Konstruktionen, Haustechnik und Nachhaltigkeit begab man sich auch hier auf die Suche nach angesagten Wohnstilen. Gefragt wurden Innenarchitekten nach ihrer Einschätzung künftiger Bedeutung, bewertet wurde nach dem Notensystem. Deutlich voran: Barrierefreiheit (1,8), Mehrgenerationen-Wohnweise (2) und Gesundheit (Baubiologie) (2), gefolgt von Lofts (2,2), Technik/Home-Entertainment (2,3), „Homing“ (2,6) sowie mediterraner Stil (2,7), „Crossculture-Stil“ (2,8) und Retro-Stil (2,9). Schlusslichter bei den ermittelten Ausrichtungen sind der rustikale Landhausstil und der Country-Stil (beide 3,7).
Besonders wesentlich für das Handwerk der Bodenleger, Maler und Tapezierer sowie Raumausstatter sind die Resultate der abgefragten Bedeutung nach Bodenbelägen und Wandgestaltung. Welcher Boden ist mittelfristig ein Renner, lautete die Frage. Resultat: Holz- und Parkettböden (1,9) liegen klar voran vor Naturstein (2,6), Naturwerkstein (2,7), Keramik/Fliesen (2,7). Geschlagen geben müssen sich – jedenfalls bei Innenarchitekten – Linoleum (2,9), Fotoprint-Böden (3,1), Laminat (3,3), Laminat in Steinoptik (3,5), Teppichböden (3,6) und Kunststoff-PVC-Böden (3,7).
Weit mehr gleichgestellte Trends zeichnen sich an der Wand ab: Der klassische Anstrich (2,4) ist beliebter denn je und liegt knapp vor Sichtputz (2,5), Spachteltechnik, Betonoberfläche und Natursteinwände/unverputzte Wände (alle 2,6) sowie textile Wandbeläge (2,8) und Muster-Motivtapeten (3).Weit weniger angesagt sind hingegen Glasfasertapete (3,4), Keramik im Wohnbereich (3,5), Paneele (3,7) sowie Raufaser und Kork (4). Das Fazit von Studienautor Wagner: „Naturmaterialien für Böden, Wände und Möbel sind angesagt. Sehr häufig genannt wurden auch Pandomo von Ardex und geschliffener Estrich oder Beton.“
Blick in die Zukunft
Den großen Sprung in die weitere Zukunft wagte das österreichische Zukunftsinstitut mit der umfangreichen Trendstudie „Living in the Future“. Darin betrachten die Autoren Harry Gatterer und Cornelia Truckenbrodt die fernere Zukunft des Wohnens. „Uns ging es darum, langfristige Trends aufzuzeigen. Und wenn man heute aus dem Fenster sieht, hat sich bereits einiges etabliert“, erklärt Gatterer die sechs Hauptausrichtungen unter den künftigen Stilen Reduktion, Veredelung, Natur & Design, Flow-Design, Glocal-Style und High-End-Design.
Reduktion steht unter dem Motto „Weniger ist mehr“. Merkmale sind der sparsame Einsatz von Farben, große, leere Flächen und wenig Dekor, diese jedoch mit starker symbolischer Wirkung. Hauptsächlich echte Materialien, großteils naturbelassen. Klare Linien, schlichte Formen, glatte Flächen, viel Licht. Schlussendlich Design und Architektur, gepaart mit Natürlichkeit.
Die Veredelung beschreibt ein Styling, das vom klaren und starken Ausdruck lebt. Qualität, Designbewusstsein und Kennerschaft spielen eine Rolle. Alles ist aufeinander abgestimmt. Klare Farben und Formen, edles Material sowie hohe Qualität. Kunst ist integrierter Bestandteil des Wohnens. Edle Muster und Dekore dienen als Abrundung zu eigentlich modernen Formen.
Der Mega-Trend Gesundheit beschert uns Natur & Design: Natürliche Materialien, großteils naturbelassen, sowie natürliche Farbtöne sind entscheidend. Ein Stil, der sich zum einen am Zeitgeist in der Formensprache orientiert und zum anderen die Nachhaltigkeit im Umgang mit der Natur respektiert.
Flow-Design vermittelt den Zeitgeist der Gegenwart. Ein Spiel der hippen Designer mit Formen und Farben. Kurzfristig entwickelten sich Moden, welche aufgegriffen und umgesetzt werden. Signifikante Merkmale sind bunte, neuartige Formen und Materialien, außergewöhnliche Nutzungsmöglichkeiten, Mobilität und grafische Muster.
Die Vermischung der Menschen auf dem Planeten bringt den Glocal Style: Ob indisch, arabisch, marokkanisch, kubanisch oder auf europäischen Traditionen aufbauend – der Stil erzählt die Geschichte von Herkunft und Brauchtum. Dazu gehören traditionelle, länderspezifische Formen, viel Handwerk und viele Details. Vorangetrieben durch die technischen Möglichkeiten entwickelt sich der Stil High-End-Design. Hier experimentieren Avantgardisten mit neuen Materialien und häufig organischen Formen. Im Mittelpunkt stehen Andersartigkeit, extreme Formen oder Bekanntes neu geframed.
Das Streben nach Individualität
Besonders die Trends Reduktion, Natur & Design sowie High-End-Design werden sich lange halten. Weiter, etwa 20 Jahre, in die Zukunft zu blicken, wäre aber laut Gatterer vermessen. Allerdings: Abseits von vergänglichen Modeerscheinungen und gängigen Trends entwickelt sich zusehends die Individualisierung. „Die Sehnsucht nach dem eigenen Style“ nennt das der Zukunftsforscher. Und er meint damit eine Entwicklung, die nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse steht: Nach Maslows Pyramiden-Modell folgen in der Gesellschaft den Bedürfnissen körperlicher Natur, Sicherheit und Sozialem die Werte Selbstachtung, Selbstverwirklichung und Spiritualität. Damit ist gemeint, dass nach einer grundlegenden Zufriedenheit die eigene Entwicklung und Verwirklichung beim Menschen ganz oben steht. Jedem Menschen also sein ganz eigener, persönlicher Wohnstil. Spiritualität stünde auf der Maslowschen Pyramide an der Spitze. „Das bedeutet nicht zwingend Purismus. Vielmehr steht es für ,im Einklang sein mit sich selbst‘ und damit für die höchste Form der Individualität.“
Zukunft: Neue Berufe und Produkte
Die steigende Individualisierung hat Folgen für den Markt und künftige Produkte. „Zwei Effekte werden sich einstellen: Es werden Produkte kommen, wie schon jetzt etwa das iPhone. Produkte, die in sich selbst individuell sind. Ich sage Kultdesign dazu. Und Produkte werden außerdem über ein Grunddesign hinaus ganz individuell gestaltbar sein. Menschen wollen auch ihre Kreativität ausleben.“ Gemeint: Ein Kasten aus Massenproduktion etwa wird ganz nach dem jeweiligen Geschmack veränderbar und umgestaltbar sein – und wird zum Unikat.
Die zukünftig gewünschte Selbstverwirklichung über die eigenen vier Wände hat aber auch Folgen für die Branche, wie Gatterer betont: „Handwerksberufe werden weiter gefragt sein. Sie werden sich aber weiter entwickeln müssen. Der Umgang mit neuen Technologien und Materialien ist dabei wesentlich. Beratung wird noch anspruchsvoller.“ Ganz neue Berufsbilder werden entstehen: so etwa der Berater für Wohnraumbewusstsein oder Lifestyle-Consultants. Maler werden sich – wie bereits heute schon – vermehrt der Farbgestaltung und ihren Auswirkungen in puncto Harmonie und Wohlbefinden verschreiben. Die „Geschmacksfindung“ für den Kunden wird ein zentrales Thema sein. Gatterer: „Das wird nicht einfach und verlangt soziale Kompetenz, muss man sich doch auf Menschen genau einstellen können.“
Text: Helmut Melzer

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