29.01.2010
Dem Schimmel die Sporen geben
Schimmelpilze und Algen sind in vielerlei Hinsicht unangenehme Mitbewohner in unseren vier Wänden. Doch während Algen den Untergrund der Wände nicht angreifen und lediglich als ästhetisches Problem auftauchen, können sich Schimmelpilze äußerst schädlich auf den gesamten Baubestand auswirken. Die Ursache in Sachen Schimmelbefall ist in erster Linie das Wasser. Sei es eine zu hohe Luftfeuchtigkeit, Wandfeuchtigkeit oder die Bildung von Kondensat an den Wänden. Sie alle sind Parameter, die zu Wasser auf oder in der Wand führen können. Wasser ist überall. Wasser in Wänden kann sowohl in Alt- wie auch in Neubauten, ja selbst in frisch renovierten Gebäuden auftauchen. In Altbauten etwa fehlt oftmals die horizontale Isolierung oder Drainage. Das Wasser steigt in den Wänden auf und es kommt zu einer kapillaren Wandfeuchtigkeit. Feuchtigkeit kann allerdings genauso in einem sehr gut isolierten Neubau mit sehr dichten Fenstern vorkommen. Oder in nachträglich wärmeisolierten Häusern – etwa in Altbauten mit Vollwärmeschutz –, wo die Gebäudehülle dampfdicht gemacht wurde. Diese Dampfdichte, gepaart mit nicht ausreichendem Lüften, kann ebenfalls zu Kondensatbildung führen.

Über Schläuche wird das H2O2 vom Generator in die Wohnung gedampft.
Kondensatbildung kann am besten durch eine geeignete Bauphysik vermieden werden. Ist diese nicht vorhanden, ist das Gebäude gefährdet. Vor allem in Altbauten ist das oft der Fall. Ein häufig begangener Fehler ist dann die Verwendung von Dispersionsfarben. Diese enthalten nämlich den Füllstoff Methylzellulose. Der sorgt dafür, dass die Farben sich besser verarbeiten lassen, verleiht ihnen mehr Geschmeidigkeit. Doch gerade Farben, die Methylzellulose – oder auch andere organische Stoffe wie etwa Latex– enthalten, sind äußerst anfällig für Pilzbefall. Weil im Baumarkt nahezu keine anderen Farben erhältlich sind, haben gerade Privatpersonen so gut wie keine Wahl – bei der Farbauswahl. Silikatfarben oder reine Kalkfarben etwa enthalten keine Methylzellulose, deren Anwendung in Gebäuden mit gefährdeter Bauphysik ist daher zu empfehlen. Nur allein, es fehlt oft der Zugang. Ist die Wand bereits befallen, besteht natürlich Handlungsbedarf. Handelt es sich um einen sehr kleinen Befall – etwa zehn bis 20 Quadratzentimeter –, können Bekämpfungen noch selbst und am besten nur mit 70-prozentigem, in Wasser verdünntem Alkohol durchgeführt werden. Ein klassischer Fall ist etwa der Schimmel hinter Möbelstücken, die zu nah an der Wand stehen. Dann sind eigene Behandlungen meist noch durchführbar. Ab einem Befall über einem halben Quadratmeter oder bei einer stetigen Vergrößerung der befallenen Fläche ist jedoch ein Spezialist gefragt. Im Regelfall konsultiert man zunächst einen Bauphysiker. Wenn auch der sich der Art der Schimmelbekämpfung nicht sicher ist, sind Bau- oder Mikrobiologen gefragt.
Kleinere Flächen und Algen sind also meist noch mit Alkohol behandelbar, doch mit großflächigem Pilzbefall und dessen Sporen ist vor allem aus gesundheitlichen Gründen nicht zu spaßen. Wer sich nicht sicher über die Art der Bekämpfung ist, sollte stets auf Spezialisten zurückgreifen. color hat einen besucht – im Austrian Center of Biological Resources and Applied Mycology (ACBR) an der Universität für Bodenkultur Wien (Boku).
(Redaktion: Dominique Platz, Color)

Katja Sterflinger arbeitet an der Universität für Bodenkultur und leitet dort eine Forschergruppe, die sich ausschließlich mit dem Befall von Materialien und Gebäuden durch Mikroorganismen beschäftigt. Darüber hinaus ist Sterflinger allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Sachverständige und Gutachterin für Schimmelbefall in Innenräumen. Sie berät Firmen, Hausverwaltungen und Privatpersonen hinsichtlich der Gesundheitsgefährdung, der Ursachen von Schimmelbefall und geeigneter Sanierungskonzepte.
Worauf ist bei der Schimmelbekämpfung zu achten? Welche Fehler sollten vermieden werden?
Sterflinger: Eigentlich ist einer Schimmelpilzbildung nur mit einer geeigneten Bauphysik entgegenzuwirken. Durch Isolierung kann Kondensat an den Wänden am ehesten unterbunden werden. Das geht in Altbauten allerdings nicht so leicht, weil man oft die Gebäudesubstanz horizontal durchschneiden und isolieren müsste, um sie nachhaltig zu verändern. Gerade in Altbauten wird das veränderte Wohnverhalten der Bewohner sichtbar. Erstens wurde früher nicht so weit aufgeheizt und zweitens waren die Räume nicht so dicht. Einer der größten Fehler bei Altbausanierungen heute ist das Ersetzen der Holzfenster durch dichte Plastikfenster mit Isolierverglasung. Die Feuchtigkeit kann durch die Fenster nicht nach außen gelangen, steigt aber nach wie vor in den Räumen auf. Früher hat sich das Kondensat an den dünnen Fenstern gebildet und konnte abgewischt werden. Heute entsteht das Kondensat an der Wand und verstärkt die Schimmelbildung.
Ab wann liegt denn eine konkrete Gesundheitsgefährdung vor?
Sterflinger: Das Maß einer Gesundheitsgefährdung richtet sich zum einen nach der Art der Schimmelpilze und zum anderen nach der Größe der befallenen Fläche, aber auch nach den Sporen, die die Pilze in den Raum abgeben. Schimmel wird gefährlich, wenn über Inhalation die Sporen in die Lunge gelangen. Dabei gibt es eine grobe Richtlinie vom deutschen Umweltbundesamt. Diese besagt, dass alles über einem halben Quadratmeter befallene Fläche als großflächiger Befall einzustufen ist. Da sollte man die Notbremse ziehen. Was man tun sollte, hängt davon ab, ob der Schimmel oberflächlich ist oder ob bereits ein tiefgreifender Befall vorliegt. Sind Tapete, Farbschicht und Putz betroffen, dann liegt – auch im Sinne der Judikatur – ein ernsthafter Schaden vor. In diesem Fall muss nicht nur die Farbe, sondern auch der Putz abgeschlagen und neu aufgetragen werden. Diese Maßnahmen sind aber nur dann sinnvoll, wenn man die Feuchtigkeit in den Griff bekommt. Es ist also wichtig, Ursachenbehebung zu betreiben. Bei einem Wasserschaden, wie etwa einem Rohrbruch, muss freilich erst die Wand trockengelegt werden, bevor mit der Sanierung begonnen werden kann.
Welche Rolle spielen wasserverdünnbare Farben?
Sterflinger: Wasserverdünnbare Farben sind nicht das eigentliche Problem, sondern die darin enthaltenen organischen Bestandteile. Diese organischen Farben sind mit Bioziden ausgestattet. Andernfalls würden sie im Regal ja schon verschimmeln. Diese biozide Ausstattung währt allerdings an der Wand nur eine gewisse Zeit. UV-Strahlung etwa zerstört diese Biozide, weshalb ein Schimmelschutz nicht lange gewährleistet ist. Abhilfe schaffen kann hier das sogenannte Titandioxid. Titandioxid ist ein Biozid, das in geeigneter Konzentration durch seine mineralischen Eigenschaften dem Schimmelbefall vorbeugen kann. Unsere Tests hier an der Boku haben ergeben, dass viele Farben, die unter dem Schlagwort „Nanotechnologie“ angeboten werden, nicht können, was sie versprechen.
Welche Behandlungsarten empfehlen Sie zur Bekämpfung von Schimmel?
Sterflinger: Bei geringfügigem Befall ist die Behandlung mit Alkohol am besten – einfach auftragen und abwischen. Die gängigen Mittel aus den Baumärkten sind eher nicht zu empfehlen. Die sind meist weder zielführend noch nachhaltig noch gesund. Wenn es sich um größeren Befall – etwa bei der Kontaminierung eines ganzen Raums – handelt, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Empfehlenswert ist das sehr neue Verfahren der H2O2-Bedampfung. Für den Pilz ist das extrem giftig. Der Mensch hingegen kann nach der Behandlung rasch wieder in seinen nun gesunden und sauberen Raum zurückkehren. Giftverneblungen und ähnliche Verfahren würde ich nicht empfehlen. Die Bedampfung mit H2O2 wird sogar schon in der Medizin verwendet, weil es umweltschonend und ohne Nachwirkungen ist. Das konnten wir auch schon hier an der Boku nachweisen. Das Verfahren bringt sowohl den Pilz als auch die Sporen um. Selbst dickwandige Sporen, in die Biozide nicht hineinkommen, werden vom H2O2 durchdrungen.

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