12.07.2010
Restauration auf Knopfdruck
![]() Der Digitaldruck macht’s möglich: Noch nie war es so einfach und kostengünstig, historische Tapeten zu rekonstruieren wie hier beim Projekt einer Musikschule |
Text: Helmut Melzer
Der technische Fortschritt macht auch im Bereich Restauration nicht halt. Was bislang von Experten der Papierrestauration in aufwendiger Kleinarbeit vollbracht wurde, erledigen nun Computer & Co – günstig und schnell. Ein erfolgreiches Projekt in der Schweizer Stadt Baden zeigt die bisher ungeahnten Möglichkeiten auf.
Die mittlerweile als städtische Musikschule genutzte Jugendstil-Villa Burghalde wurde in den Jahren 1904 und 1905 vom Karlsruher Architekturbüro Curjel & Moser als letzte von insgesamt vier Industriellenvillen errichtet. Nicht zuletzt wegen ihrer Innenausstattung, unter anderem mit geometrischen Jugenstil-Elementen, die schon zur damaligen Zeit als Höhepunkt der Interieurkunst galten, wird die Villa heute von Denkmalpflegern als „Kulturobjekt von kantonaler Bedeutung“ bewertet.
Dementsprechend groß waren die Ansprüche der Stadt: Sollten doch neben stilechten Mustern und Farben auch das Material und dessen Verarbeitung stimmen. Der herkömmliche Wandbekleidungsmarkt bot keine passenden Produktlösungen an. Das Hauptproblem: Selbst Tapetenarchive mit zeitgenössischer Ware konnten keine Musterrollen bieten, die der Oberflächenwirkung des über 100 Jahre alten Originals gerecht wurden. Also lag die Rekonstruktion via Digitaldruckverfahren nahe.
Die Arbeitsschritte im Detail: Erst wurden erhaltene Originalfragmente eingescannt und am Computer entsprechend nachbearbeitet, sodass die digitale Bilddatei der historischen Vorlage glich. Dann galt das Augenmerk der richtigen Wahl des Druckgerätes sowie des Druckmediums. Hierbei fiel im Falle der Renovierung der Musikschule Baden die Entscheidung zugunsten einer Digitalvliestapete von Erfurt sowie einem Roland-Inkjet 500.
Und hier steckt auch der Kern des Fortschrittes: Einerseits lassen sich die Vliese in ihrer gesamten Breite in entsprechende Digitaldrucker stecken und kostengünstig wie individuell bedrucken, andererseits ermöglicht inzwischen zertifizierte Farbrichtigkeit ein sicheres Druckergebnis. Zusammen mit speziellen Beschichtungen und entsprechenden Tinten, wie die hier verwendete Eco-Solvent-Tinte, werden die rekonstruierten Tapeten sogar besser als die Originale: Aus gutem Grund hat sich Erfurt für die Verwendung von Vlies auf der Basis von speziellen Zellstoff- und Textilfasern, kombiniert mit polymeren Bindemitteln, als Material entschieden, denn dieses ist frei von PVC und damit auch von ausdünstenden Weichmachern.
Die nach heutigen Standards entwickelten Materialien sind geruch- und schadstofffrei – und sorgen so für ein gesundes Wohnklima samt brillantem Druckergebnis. Schlussendlich entstand eine rund 50 Zentimeter breite Digitaldrucktapete, die dem Referenzstück zum Verwechseln ähnlich sieht. Diese wurde der Stadt Baden als auch der Denkmalpflege Aargau vorgelegt und für gut befunden. Selbst den künstlichen Alterungstest nach ISO 4892-2 hat die digitale Vliestapete mit Bravour bestanden.
Claudio Fontana vom beauftragten Malerbetrieb Fontana & Fontana: „Tapeziert wurde Stoß an Stoß, die Übergänge sind kaum sichtbar. Als zusätzlichen Schutz haben die Tapeten eine Lackschicht im Siebdruck erhalten, die von der Musikschule gewünscht war, aus unserer Sicht jedoch nicht zwingend notwendig ist.
Aufgrund der Schimmelgefahr wurde allerdings eine offenporige Lackschicht gewählt, sodass die Tapete atmungsaktiv ist, also auch an der Wand noch atmen kann.“ Besonders erfreulich für das beauftragte Handwerks-Unternehmen: Das Resultat der Arbeit an der Badener Musikschule konnte dermaßen überzeugen, dass ein Folgeauftrag nicht lange auf sich warten ließ.

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