Text: Barbara Jahn
12.03.2009
Ein Heim für alle Fälle
Es scheint, als würden die Begriffe, um die man die letzten Jahre einen weiten Bogen gemacht hat, wieder an Aktualität gewinnen. Homing, eines der Modewörter, das nach dem Anschlag des 11. September 2001 kreiert wurde, ist in Zeiten der Krise absoluter Dauerbrenner. Nicht nur, dass die internationale Möbel- und Raumausstattungsindustrie in naher Zukunft darauf setzt, dass sich die Menschen wieder verstärkt ein gemütlicheres Zuhause einrichten möchten, so könnte diese Denkweise durchaus seine Berechtigung dadurch haben, dass traditionelle Werte wieder an Bedeutung zu gewinnen scheinen. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein Großteil der Menschheit durch die aktuellen Entwicklungen – seien es der Preis für Treibstoffe, die Inflation oder die Kosten für lebensnotwendige Dinge – fast gezwungen ist, sich wieder an die eigenen vier Wände zu gewöhnen. Mit dem „Flügge sein“ ist es wohl – wenn auch nur für eine Zeit lang – vorbei.
Nest bauen
Doch das ist andererseits gar nicht so übel, bedenkt man, wie schön es wirklich in einem gepflegten, gemütlichen Zuhause sein kann. Schließlich ist jeder hier der eigene Chef und bestimmt seine Umgebung selbst. So tauscht man vielleicht erst einmal ein paar Dinge aus, die ohnehin schon immer gestört haben. Oder man trägt ein besonders liebes Stück, das in die Jahre gekommen ist, endlich zum Sattler, um es neu beziehen zu lassen. Meistens ist es dann so, dass man gar nicht mehr aufhören kann, wenn man in der einen Ecke angefangen hat auszumisten und zu renovieren. Wie wäre es gleich mit einer neuen Tapete oder mit einem neuen Teppich? Oder vielleicht doch lieber ein Holzboden mit einem netten Eyecatcher darauf? Letztlich ist es doch auch wieder großartig, sich in den Sortimenten der Bodenleger, Tapezierer, Maler und Anstreicher zu verlieren und sich über Trends und neue Materialien beraten zu lassen.
In einem stimmigen Bild mit wohnlicher Atmosphäre wird also eifrig Nest gebaut. Das Zuhause wird zunehmend zum Lebensmittelpunkt, in dem der private und der öffentliche Bereich des Daseins aufeinander treffen und verschmelzen. Bevorzugt man selbst eher die Kuschelatmosphäre, so muss man in Zukunft Kompromisse schließen. Gesellschaftliche Verpflichtungen verlangen vielleicht einen Mix aus Gemütlichkeit und Repräsentation. Kommt dann noch die Funktion eines Homeoffices dazu, ist ohnehin noch ein Schritt weiterzudenken. Hier sind eher glatte Oberflächen gefragt, die sich gut mit der Außenwelt vertragen. Da nicht immer für alle Funktionen die notwendigen Gebäudeflügel vorhanden sind, ist es sogar nötig, Kompromisse in der Farb-, Stoff- und Materialauswahl einzugehen. Die Schnittstelle zwischen Privat- und Businessmensch kann sehr gut funktionieren, besonders wenn die Beratung für maßgeschneiderte Lösungen stimmt.
Unter einem Hut
Das Homing basiert auf dem Cocooning aus den Achtzigerjahren und ist dennoch eine etwas andere Geschichte. Während sich die Menschen damals teilweise ausschließlich zurückzogen, ist das Homing eher eine extrovertierte Sache. Gleich ist, dass die Wohnung die Drehscheibe des individuellen Lebens ist, aber man lässt beim Homing auch andere, haushaltsfremde Menschen daran teilhaben. Das bringt auch ein Umdenken in der DesignÂbranche mit sich. So machen sich einige Modelabels wie Gucci und Ralph Lauren daran, Tapeten zu kreieren, oder Textilhersteller, die schon bekannterweise Homekollektionen und Accessoires auf den Markt gebracht haben, wie beispielsweise Esprit, bringen neue Wandfarbensortimente heraus. Sehr visionär und äußerst erfolgreich entwickelt die britische Designerin Tricia Guild ihre Designs, die sich schon vor Jahren diesem Thema widmeten, bevor dieses eigentlich noch erfunden war. Für sie ist es nichts Neues, dass man sich im eigenen Zuhause und bei jeder Gelegenheit wohlfühlen soll. Sie konzipiert für Räume eigene Welten, die von der Wandfarbe bis zum Kissenbezug absolut stimmig sind. Schrill oder gedämpft spielt dabei keine Rolle – das ist schließlich eine Frage des persönlichen Geschmacks. Was zählt ist die eigene Persönlichkeit, die sich darin wiederfinden und mit dem Interieur zum Ausdruck gebracht werden soll. Dazu ein knisterndes Feuer im Kamin, das derzeit auch ganz hoch im Kurs steht, und die optimale Beleuchtung, die alles ins rechte Licht rückt. Mehr braucht es auch schon gar nicht. Homing bedeutet zu Hause sein, aber nicht sich abzuschotten. Es heißt aber auch, dass man zeigen darf, worauf man steht. Mitunter können das sehr extravagante Dinge sein wie ein Boden aus Kork oder eine Tapete wie ein Spitzenstrumpf. Aber ganz egal, was man „trägt“: Hauptsache, man trägt es gern und hat Spaß dabei, es mit anderen zu teilen. Einschränkungen bedeuten ja nicht immer weniger, sondern – wie man sieht – oft auch viel mehr.
aus: Color 1/2/3 09, S. 8ff.

COLOR
NEWSLETTER
|
BESTELLEN |
RSS-FEEDS
|
Wirtschaftsverlag-News zur Feeds-Übersicht
|
Werbung
B2B-KLEINANZEIGEN
Werbung




Drucken
Empfehlen
Kommentieren
Share
Kommentar schreiben




